Gespräch mit Mirjana Kovac zum 14. Jahrestag der tragischen Ereignisse von Vukovar

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Vierzehn Jahre nach den tragischen Ereignissen von Vukovar kam Frau Mirjana Kovac, eine Ökonomin, die aus Vukovar stammt, als Pilgerin nach Medjugorje. Frau Kovac ist in Vukovar geboren und kam nach Medjugorje, um Gott und der Gottesmutter im Gebet ihre Schmerzen, die heute noch tief in ihrem Herzen vergraben sind, anzuvertrauen. Ihre Erinnerungen und ihre Hoffnungen hat sie uns mit Tränen in den Augen mitgeteilt.

Frau Kovac hat vor dem Krieg das Amt einer Direktorin für Versicherungen im Gesundheitswesen bekleidet. Während des Krieges hat sie den Krisenstab in Sanitären Angelegenheiten für die Republik Kroatien geleitet. Nach dem Krieg war sie in MORH Hilfskraft des Wirtschaftsministers und danach Vorsitzende im Wirtschaftsministerium und Kontrollorgan im Verteidigungsministrium.

Lidija Paris hat im Pfarrhof von Medjugorje mit Mirjana Kovac gesprochen.

Lidija Paris:  Frau Kovac, Sie sind zwar in Vukovar geboren, aber Ihr Vater stammt aus Posusje. Trotz so vieler Jahre seit dem Ende des Krieges sieht man es Ihnen noch immer an, dass Sie in Ihrem Inneren schweres Leid tragen, wohl in Erinnerung an all das, was sich ereignet hat  Sie haben einen Briefumschlag, in dem Sie einige Fotografien und etliche Papiere aufbewahren. Das ist wohl alles, was Ihnen von Ihrem 40-jährigen Leben noch geblieben ist….

Mirjana Kovac: Ich bin gerade anlässlich dieser Tage nach Medjugorje gekommen, weil sie für mich schwer zu ertragen sind. Aber im Glauben an Gott kann der Mensch sein Kreuz bewusst leichter tragen. Im Blick auf das Kreuz Jesu kann man Ihm alles darbringen. Das ist ein Geschenk von Jesus, erweisen wir uns dessen würdig. Wir danken unseren Eltern, dem Vater und der Mutter, dass sie uns im Glauben an Gott erzogen haben. Mit dem Rosenkranz in der Hand waren wir in jenen Tagen, die für den menschlichen Verstand unbegreiflich waren, sicher, dass wir getragen werden. Es war uns bewusst, dass jeden Moment das Schlimmste geschehen kann, aber dank des Glaubens an Gott hatte dann doch alles eine andere Dimension. Wir waren dem Tode näher als dem Leben…

Lidija Paris:  Ihr Bruder Ivan Kovac hat die letzte Botschaft aus Vukovar an die Welt gerichtet…

Mirjana Kovac:  Ja, mein Bruder war Kommandant und Bindeglied für die Stadt Vukovar. Er hatte die Verbindung aufrechtzuerhalten, damit sich die Frau Doktor Bosanac täglich aus dem Krankenhaus melden konnte. Am 18. November vor 14 Jahren, um 1.25 Uhr in der Nacht, hat er die Zentrale in Osjek angerufen und nur gesagt: „Beendet die Verbindung mit Vukovar, sie wird nicht mehr nötig sein.“ Das waren seine letzten Worte. Er wurde mit einigen Mitarbeitern im Krankenhaus von Vukovar gefangengenommen. Bis 1997 haben wir nichts mehr von ihm gehört. Erst in dem genannten Jahr fanden wir ihn im Friedhof von Ovcara dank der DNA Analyse…

Lidija Paris: Wie haben Sie all die Jahre der Ungewissheit zwischen Erwartung und Hoffnung überlebt?

Mirjana Kovac: Das war ein ganzes Meer voller Tage… Ein Tag schien länger als ein Jahr. Es war schwer zu ertragen,. Ich wusste nichts von meinen nächsten Angehörigen. Ich wusste nichts, weder von meinem Bruder noch von meinem Gatten und auch nichts von den Männern meiner beiden Schwestern. Täglich gingen wir zum Roten Kreuz. So viele Stossgebete, Aufschreie, Verzweiflungsrufe zum Himmel, um etwas zu erfahren.

Lidija Paris:  Sie sagten, dass dieser Krieg nicht nur das Leben Ihres Bruders dahingerafft hat, er zerstörte auch noch Ihre Ehe….

Mirjana Kovac:  Genau. Als mein Gatte aus dem Lager zurückkam, in dem er psychische Schäden erlitten hat, wollte er allein sein. Er sagte, er müsse seinen Weg gehen, er habe keine Ruhe, er kann nicht mehr Gatte und Vater sein, wie er es früher  war…

Lidija Paris: Als Sie von Vukovar ausbrechen konnten, kamen Sie nach Zagreb.

Mirjana Kovac: Ja, hatte damals den Dienst einer Vorsitzenden im Krisenstab für Gesundheitswesen und für alle bedrohten Bereiche in Kroatien angenommen. Diesen Dienst versah ich bis 1995. Wegen einer Verletzung, die aus der Zeit des Granatenfeuers von Vukovar stammte, hatte ich Beschwernisse, die es zu heilen galt. Als ich im Krankenhaus die vielen Verwundeten sah, erkannte ich, dass ich mich nützlich erweisen müsse und auch um in Erfahrung zu bringen, wo mein Bruder ist. Arbeit und Gebet waren stärker als ich. Ich hatte nicht einmal bemerkt, wie die Jahre vergingen. Ich funktionierte wie ein Roboter. Ständig war ich bemüht, etwas für andere zu tun. Die Leute kamen zu mir. Sie erzählten mir, was sie alles verloren haben. Jeder hat alles nur „schwarz“ gesehen. Manche haben sogar geglaubt, dass ich aus Zagreb bin und sie daher nicht verstehen kann. Als ich merkte, dass sie keinen Grund mehr fanden um weiterzuleben, sagte ich ihnen, woher ich komme und dass ich nicht weiß, wo meine nächsten Verwandten sind…. Dazu kam noch, dass die eigenen Kinder und die Kinder der Verwandten zur Schule gehen sollten…Unsere Familie war über ganz Kroatien verstreut. Wir zogen von Haus zu Haus. Die Kinder wechselten bis zu fünf Mal die Schule bis endlich eine Unterkunft in Hotels organisiert wurde.

Lidija Paris:  Was geschieht jetzt mit Ihrem Besitz in Vukovar. Können Sie zurückkehren, wie stehen die Chancen? Sie sind nun als 54-jährige in Pension, Sie sind noch relativ jung?

Mirjana Kovac: Als 1997 eine geregelte Reintegration begann, war ich in der Verwaltung der Stadt Vukovar für Finanzen und Rechnungswesen beschäftigt. In dieser Verwaltung machten wir, was möglich war. Das Problem der Stadt Vukovar ist, daß man die Häuser wieder aufbauen kann, aber man kann die Toten nicht wieder zurückholen und so wird die Situation nicht mehr dieselbe sein. Die Jugendlichen, die in anderen Orten ihr Studium beendet haben, wollen nicht mehr zurückkehren. Wer in Vukovar Arbeit sucht, findet keine.

Lidija Paris: Wie ist das Verhältnis zwischen Kroaten und Serben? Wie kann man heute gemeinsam leben in Vukovar?

Mirjana Kovac: Gemeinsam leben? Das könnte man eher ein Leben nebeneinander nennen. In Vukovar ist alles getrennt in Kroatisch und Serbisch…Das ist ein tiefer Einschnitt durch die Stadt. Unter den Serben gibt es viele, die alles sehr bedauern, jedoch das Misstrauen ist sehr groß. Aber auch Angst vor unangenehmen Geschehnissen. Es ist sehr schwer, ein normales Verhalten herzustellen, aber es ist gewiss, daß die Zeit das ihre beitragen wird.

Lidija Paris: Kann man vergeben, über durchgestandene Geschehnisse hinwegsehen, neu beginnen? Haben neue Bemühungen eine Chance?  Gibt es Bedingungen, die einer neuen Generation eine neue Möglichkeit schaffen?

Mirjana Kovac: Bedingungen müssen wir täglich neu schaffen, jeder in sich, in seiner Seele. Vergeben? Ich gestehe, dass ich vor fünf, sechs Jahren dieses Wort nicht einmal hören konnte. Ich wusste nichts von meinem Bruder, was mit ihm geschehen war, wie sollte ich da verzeihen? Ich wollte nur die Wahrheit erfahren. Es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, dass ich verurteile, ein Urteil steht uns nicht zu. Das ist Sache Gottes. Dann geschah eine große Gnade Gottes: Ich fühlte, ich kann verzeihen. Ich vergebe, aber ich scheue davor zurück, in ihre Nähe zu kommen, um nicht in Versuchung zu geraten, auf andere Gedanken zu kommen. Unterdessen war ich schon glücklich, für sie beten zu können, dass Gott sie berühre, dass sie sagen können: Wozu die vielen Opfer, wir waren uns dessen nicht bewusst. Das ist einer der Gründe, warum ich hergekommen bin. Für die vielen Opfer. 1400 Menschen  stehen noch auf der Liste der Verschwundenen und Vermissten. Ich bin gekommen, das alles der Gospa zu übergeben und um die Gnade zu beten, dass sie ihre Herzen berühre. Möge die Gospa sie unter ihren Schutz nehmen. Ich erinnere mich an die Worte Jesu, als er vom Kreuze herab vergeben hat, uns allen vergeben hat. Er sprach „Vater vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.“ So bete ich jetzt für sie.

Ich bete auch für meinen Vater Mate, der einen Kreuzweg gegangen ist und auf diesem Kreuzweg seinen Bruder verloren hat. Mein Vater ist heute 78 Jahre alt. Es war schwer für ihn, als er von Posusje nach Slawonien kam. Sein ganzes Leben war von schwerer Arbeit erfüllt, aber er hatte ein großes Herz, ein Herz, das für alle offen war. Es kam uns nicht in den Sinn zu sagen: „Vater, du hast halb Herzegowina ernährt.“ So mancher hat bei ihm mehrere Monate leben dürfen, bis er sich selbst zurechtgefunden hatte. Dieser mein Vater kann nicht vergeben, er trägt ein großes Leid. Am meisten habe ich zur Gospa für ihn gebetet, dass es ihm leichter werde in seinem Leben. Meine Mutter ist auch zusammengebrochen, aber sie lässt den Rosenkranz nicht aus den Händen.

Lidija Paris: Sie haben in Lourdes ein Zeichen bekommen, dass der Himmel ihr Gebet hört?

Mirjana Kovac: Ja, das war 1992, als mein Gatte aus der Gefangenschaft heimkam.  Da hatte ich Gelegenheit, nach Lourdes zu fahren. In einer Mauernische habe ich ein Schreiben hinterlassen, auf dem ich die Gottesmutter gebeten habe, ich möge erfahren, wo mein Bruder Ivan ist. Eine halbe Stunde später begegnete ich einer Ungarin, die sich auf Kroatisch an mich wandte und mir ihr Heim anbot, es soll unser Heim sein. Sie gab mir eine Adresse, auf der derselbe Name, wie der meines Bruders stand. In Frankreich begegnete ich einem Ungar, der genauso heißt wie mein Bruder! In diesem Augenblick erkannte ich, dass mir die Gottesmutter die Botschaft gab, dass jeder Mensch mein Bruder ist. Das hat mir bis 1997 Kraft gegeben, bis ich schließlich erfahren habe, was mit ihm geschehen war.

Lidija Paris: Sie sind nach Medjugorje gekommen, da in diesen Tagen der vierzehnte Jahrestag seit jenem erschütternden Ereignis von Vukovar wiederkehrt. Das muss doch in Ihnen die Wunden auf besonders intensive Weise wecken. Was finden Sie in Medjugorje?

Mirjana Kovac:  Nach Medjugorje kam meine ganze Familie seit den Anfängen der Erscheinungen. Wir haben jedes Jahr unsere Verwandten in Posusje besucht und dabei haben wir immer auch Medjugorje besucht. Wir hatten die Gewißheit, dass hier die Gottesmutter erscheint. In manchen schwierigen Situationen, durch die die Seher gehen mussten, haben wir für sie gebetet. Das erinnert mich an die letzten Worte meines Bruders aus Vukovar… Ich fühle, als ob die Gottesmutter jenen „Roten heißen Draht“  angekoppelt hätte. Während auf uns Bomben niederprasselten und Tod säten, war der Himmel stets über uns offen durch das Gebet, durch den Rosenkranz. Als die Granate die Schule traf, unterbrachen wir kurz unser Gebet und setzen es dann wieder fort, ohne zu wissen, wo wir aufgehört hatten. Auf diesem heißen Draht bestürmten wir den Himmel und ich bin Medjugorje sehr dankbar. Wann immer ich bete, schließe ich die Augen und ich bin da in Medjugorje vor der Statue der Gottesmutter. Für mich ist Medjugorje der offene Himmel, eine große Gnade, man kann es nur schwer aussprechen.  Es gibt keinen zweiten Ort, an dem ich sein möchte, um in jenen Augenblicken Trauer und Freude mitzuteilen. Diesen tiefen Frieden können nur die Gottesmutter und Jesus geben. Alles andere ist vergänglich. Das haben wir erfahren. Hätten wir das nicht erfahren, unsere Herzen wären zu Stein geworden. So aber hat uns die Gospa auf besondere Weise berührt. Jesus hat uns das Kreuz auferlegt, aber er gab uns auch die Kraft, es zu tragen. Das ist ein gnadenhaftes Kreuz. Ich habe große Freude am Gebet. Und Freude, die Botschaften zu leben.

Lidija Paris: Welche Pläne haben Sie?

Mirjana Kovac: Früher hatte ich manchmal langfristige Pläne, jetzt aber nicht mehr. Die Vergangenheit übergebe ich der Barmherzigkeit Gottes, ich lebe nur mehr die Gegenwart nach Gottes Vorsehung. Die Schlüssel meines Hauses, das am Ufer der Donau stand, habe ich in den See Genezareth geworfen. Dort sind sie in Sicherheit. Sie sind in Jesu Händen. Keine Hand kann ihnen Übles antun. Nach einem anstrengenden Arbeitsleben ist es mir bewusst, dass ich bei einem Militär war, das den Rosenkranz um den Hals trug, das mit dem Rosenkranz die Heimat, die Familie verteidigte. Dort, wo mein Bruder und tausende Verteidiger ihren Dienst verrichteten, dort möchte ich dabei sein. Im Ruhestand finde ich mich noch nicht zurecht. Ich habe viel Zeit und darum möchte ich mein geistiges Leben vertiefen.

Lidija Paris: Danke für dieses Gespräch. Beten Sie für uns und wir werden für Sie beten.

Mirjana Kovac’: Möge uns Jesus die Gnade verleihen, dass wir alle unsere Leiden mit Seinen Leiden am Kreuze vereinen. In Seiner Mutter sehe ich alle unsere Mütter. Das ist ein Strom von Traurigen mit großen Wunden in der Seele und im Herzen. Irgendwie sind wir verschlossen. Alle tragen wir unser Leid. Gedulde dich, schweige. Wir möchten unsere Leiden besiegen, behalten wir sie für uns selbst.. Das Gebet kann dankbarerweise alles leichter machen.

 


Damit Gott in euren Herzen leben kann, müßt ihr lieben.