Gespräch mit Pater Dr. Ivan Sesar

dem Provinzial der herzegowinischen Franziskanerprovinz und ehemaligem Pfarrer von Medjugorje

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Auszug aus der Zeitschrift „Vecernji list“ vom 14. 09. 2008. Das Gespräch führte Zarko Ivankovic.

Sensationell klang in diesen Tagen die Nachricht, dass der Vatikan begonnen hat, mit dem Phänomen Medjugorje abzurechnen und dass der Papst selbst es als Betrug einschätzt. Im Hintergrund dieser im Grunde genommen erlogenen Information war der Fall P. Tomislav Vlasic, den der Vatikan wegen der „Verbreitung von zweifelhaften Lehren, Manipulation der Gewissen, verdächtigem Mystizismus, Ungehorsam und wegen der Beschuldigung der Sünde gegen das 6. Gebot (Du sollst nicht Unkeuschheit treiben!)“ bestraft hat. Da es sich um einen Priester handelt, der in Medjugorje tätig war, wird die Echtheit der dortigen Marienerscheinungen von neuem in Zweifel gezogen. Was sagt Pater Dr. Ivan Sesar, Provinzial der herzegowinischen Franziskanerprovinz und ehemaliger Pfarrer von Medjugorje dazu?

Ich bin überrascht über solche falschen und – ich wage es zu sagen – böswilligen Folgerungen. Es ist bekannt, dass der Heilige Stuhl die Geschehnisse in Medjugorje mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt und dass er noch kein endgültiges Urteil ausgesprochen hat. Der Vatikan ist keine Institution, die mit jemandem abrechnet, am wenigsten mit Medjugorje.

Ist der Zufall der Bestrafung von Pater Tomislav für die Skeptiker dann noch ein Beweis mehr, dass das Phänomen von Medjugorje von den Franziskanern der Herzegowina erfunden wurde?

Die Behauptung, dass die Franziskaner der Herzegowina die Erscheinungen erfunden haben, ist eine grobe Unwahrheit. Jeder, der wohlgesinnt ist und sich bemüht, die Wahrheit über die Anfänge der Ereignisse von Medjugorje zu erfahren, kann leicht erkennen, dass die Patres, die damals in der Pfarre Medjugorje ihren Dienst versahen, mit großer Sorgfalt an dieses Ereignis herangingen.

Mein Kollege Inoslav Besker ging einen Schritt weiter und fragte sich ehrlich, ob denn gerade Vlasic „die Erscheinungen erfunden hat“. Was ist die Wahrheit über die Tätigkeit von P. Tomislav in Medjugorje?

Die Behauptung, dass Pater Tomislav Vlasic die Erscheinungen in Medjugorje erfunden hat, ist ebenso absurd. Es ist bekannt und leicht zu belegen, dass Pater Tomislav im Juni 1981, als nach dem Zeugnis der sechs Kinder die ersten Erscheinungen begannen, weder in Medjugorje im Dienst war noch die Kinder gekannt hat. Nach Medjugorje wurde er nach dem Willen seiner Oberen im September 1981, nachdem P. Jozo Zovko ins Gefängnis gebracht worden war, versetzt. Er wirkte knappe vier Jahre in der Pfarre Medjugorje, 1985 wurde er nach Vitina versetzt und 1988 ging er nach Italien.

War Pater Tomislav der Seelenführer der Seher? Oder hat er sich fälschlicherweise, sogar vor dem Papst, als der vorgestellt, der „durch die göttliche Vorsehung die Seher von Medjugorje geistlich begleitet?“

Dieses Provinzialat hat nie jemanden als Seelenführer für die Seher vorgeschlagen oder ernannt. Ich glaube, dass auch keiner von den Pfarrern von Medjugorje jemals ein besonderes Mandat hatte, Seelenführer zu sein. Es ist Tatsache, dass einige der Patres Beichtväter der einzelnen Seher waren und dass sie freundschaftliche Beziehungen zu ihnen und zu ihren Eltern hatten, was völlig verständlich ist. Wer jemandem ein persönlicher Freund oder Seeleführer war, das müssen Sie die Seher selber fragen. In diesen Tagen konnte man in den Medien lesen, daß einige der Seher diese Seelenführung ausdrücklich verneint haben.

Hat die Strafe von Pater Tomislav denn überhaupt eine Bewandtnis mit seiner Tätigkeit in Medjugorje? Der Bischof von Mostar Ratko Peric stellt sie eindeutig damit in Zusammenhang.

Soweit mir aus den gelesenen Informationen bekannt ist, erhielt Pater Tomislav Vlasic die Strafe nicht wegen seiner damaligen pastoralen Tätigkeit in der Pfarre Medjugorje, auch nicht wegen der Erscheinungen in Medjugorje, auch nicht wegen seiner persönlichen Einstellung zu diesem Phänomen. Durch seine Versetzung aus Medjugorje hat ihm der damalige Bischof seine priesterlichen Vollmachten keinesfalls aberkannt! Ich sehe keinen Grund, weswegen überhaupt jemand dies mit seiner Tätigkeit in Medjugorje in Zusammenhang bringen sollte oder sogar mit dem Phänomen selbst, und noch weniger finde ich es begründet, dass man das als Negation von Medjugorje von seiten des Vatikans deuten kann.

Welche Stellungnahme hat nun die Franziskanerprovinz in der Herzegowina zum Fall Pater Tomislav?

Pater Tomislav wurde schon 1992 offiziell in die italienische Franziskanerprovinz der Abruzzen versetzt, wo er lebt und wirkt. Das heißt, dass unser Provinzialat seither keinen Einblick hat, was er macht und womit er sich beschäftigt. Pater Tomislav ist nach unserer Ordensregel nicht verpflichtet, der herzegowinischen Franziskanerprovinz Mariä Himmelfahrt über seine Tätigkeit Rechenschaft abzulegen und er hat es auch nicht getan. Für ihn ist ausdrücklich der Provinzial und das Provinzialat, dem er angehört, maßgeblich. Über die Details seiner Tätigkeiten in Italien wurde ich niemals offiziell informiert.

Der Vatikan hat bekanntgegeben, dass eine neue Kommission ernannt wird, die das Phänomen Medjugorje erneut untersuchen wird. Was wissen Sie darüber?

Selbst wenn man über die Gründung eine neuen Kommission, die das Phänomen Medjugorje untersuchen soll, immer öfter und lauter spricht, hat unsere Kanzlei kein offizielles Schreiben erhalten, das diese Behauptungen bestätigen könnte.

Wird diese Kommission unter dem „Patronat“ des Papstes stehen und ist schon jemand als Mitglied ernannt?

Wie ich aus inoffiziellen Quellen erfahren habe, ist die Rede von einer internationalen Kommission, die vom Heiligen Stuhl ernannt wird. Als Provinzial der der Provinz, der die Pfarre Medjugorje zur pastoralen Seelsorge anvertraut ist und als ehemaliger Pfarrer von Medjugorje erkläre ich, dass wir völlig offen und zur Mitarbeit bereit sind mit jeder Kommission, die die offizielle Kirche ernennen wird. Die Pfarre Medjugorje wird seit ihrer Gründung rechtmäßig von Franziskanern geführt, die die maßgeblichen kirchlichen Obrigkeiten in Übereinstimmung mit den kirchlichen Vorschriften vorgeschlagen und ernannt haben. Das pastorale Personal will, dass alle dortigen Ereignisse mit den Kirchenvorschriften und der Lehre der Kirche im Einklang stehen. Medjugorje ist nicht, wie das manche meinen und propagieren, das „Projekt einzelner Personen oder Gemeinschaften“, sondern ein Gnadengeschenk des Himmels und ein Angebot an den Menschen und die Menschheit von heute.

Geschieht in Medjugorje dann doch etwas hinter den Kulissen?

In Medjugorje geschieht nichts Geheimes und auch nichts hinter den Kulissen, das vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen wird. Jeder kann als Gläubiger oder als Ungläubiger kommen und sehen, was dort geschieht und warum sich dort solche Massen von Pilgern aus der ganzen Welt versammeln. Die Zahlen bestätigen deutlich, dass Medjugorje trotz allem heute weltweit einer der bekanntesten Wallfahrtsorte der Katholischen Kirche, geistliches Zentrum und sehr anziehender Magnet für viele Gottsuchende ist.

 

Damit Gott in euren Herzen leben kann, müßt ihr lieben.