Neue Geistliche Gemeinschaften und Bewegungen

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Mögliche Gefährdungen und Schwierigkeiten in neuen geistlichen Bewegungen

Die neuen geistlichen Aufbrüche sind nicht fertige Größen, sondern sie sind immer wieder in Korrektur begriffen. Darum ist es notwendig, wenigstens kurz von ihren Gefährdungen zu sprechen (vgl. ergänzend M. Tigges a. a. O. 295 ff).

Spirituelle Einseitigkeit

Wer streng und entschieden nach der Lebensordnung neuer geistlicher Bewegungen sein tägliches Dasein und Tun gestaltet, muss dies entschieden tun, sonst gelingt ihm keine durchgreifende Erneuerung des Lebens. Aber jede spezifische Ausrichtung kann auf längere Zeit auch blind machen für andere Erfahrungen. Darum scheint es mir notwendig zu sein, dass die neuen geistlichen Aufbrüche sich dieser Gefahr der Überbetonung und Einseitigkeit bewusst werden. Fehlentwicklungen und Irrwege müssen nüchtern für möglich gehalten werden. Schutz davor bietet Offenheit gegenüber anderen Erfahrungen, weltweiter Erfahrungsaustausch und Ergänzung durch den Kontakt mit anderen geistlichen Bewegungen. Das Wissen um diese Komplementarität schützt vor elitärer Übersteigerung, die ja eine sehr hohe, aber weitgehend verborgene Gefahr gerade spiritueller Menschen sein kann.

Ausschließlichkeitsanspruch einzelner Ansätze

Es wurde bereits gesagt, dass die neuen geistlichen Bewegungen Kirche verwirklichen. In diesem Sinne können sie eine "Kirche im kleinen" sein. Aber gerade darum dürfen sie sich nicht selbstgenügsam abkapseln und sich nicht von den großen Aufgaben der Kirche zurückziehen. Sie dürfen sich nicht als die Kirche betrachten. Sonst werden sie faktisch eine Art Sekte, die nach außen alles andere abzuwerten in Gefahr ist und einen Ausschließlichkeitsanspruch vertritt, der zu Überheblichkeit und Intoleranz führen kann. Solche Gemeinschaften verlieren bald auch den Bezug zur Kirche im konkreten Sinne: zur Pfarrei vor Ort, zum Bistum und zur Weltkirche. Ein solches konkretes Stehen in der ganzen Kirche ist ein wichtiges Kriterium.

Flucht in die Intimität der Kleingruppen

Eine Gefahr besteht auch darin, dass neue geistliche Aufbrüche zu einer Zufluchtsstätte werden, in der sich vorwiegend Menschen sammeln, die zwar mit Recht Geborgenheit suchen, zugleich jedoch in eine solche Intimität der Kleingruppe flüchten. Sie scheuen die vielfache Auseinandersetzung mit den Fragen und Herausforderungen des Alltags in der modernen Welt. Es ist gewiss legitim, wenn einzelne Menschen in diesen Gemeinschaften gegenüber einer Überforderung und dem Stress dieses Prozesses der Auseinandersetzung zeitweise oder auch für immer Schutz finden, aber dies darf nicht eine Gemeinschaft als solche tiefgreifend prägen. Geistliche Gemeinschaften dürfen nicht zu Schlüpflöchern werden für Menschen, die dieser Auseinandersetzung nicht gewachsen sind. Solche verdienen bergenden Schutz und ermunternde Nähe, aber sie brauchen auch Unterstützung und Ermutigung. Sonst werden geistliche Bewegungen und Intensivgemeinschaften zu problematischen Fluchtburgen für "Aussteiger", die sich letztlich dem christlichen Lebenszeugnis versagen.

Vermischung menschlicher Reformwünsche mit den Impulsen des Geistes

Wer sich mit solcher Sensibilität und Intensität auf den "Zeitgeist" einlässt wie viele neue geistliche Bewegungen, der muss besonders tief gründen, um die notwendige Unterscheidung der Geister vollziehen zu können. Die starke Öffnung nach außen und die Aufforderung, die Botschaft Jesu im Alltag zu verwirklichen, kann auch in geistlichen Bewegungen zum Aktionismus führen. Größer dürfte jedoch die Gefährdung sein, die eigenen Reformwünsche mit den Impulsen des Geistes zu vermischen. Hier wird die Notwendigkeit deutlich, Lehre und Praxis einer "Unterscheidung der Geister" wieder zu einem Schwerpunkt kirchlicher Verkündigung und kirchlichen Lebens zu machen, gerade angesichts der dem Laien aufgetragenen Sendung in eine zunehmend komplexe und für den Glauben ambivalente Welt (vgl. Stellungnahme der Deutschen Bischofskonferenz zu den Lineamenta für die Bischofssynode 1987, 3.3; vgl. auch das Eröffnungsreferat von Bischof Karl Lehmann bei der Herbst-Vollversammlung 1997 in Fulda "Wächter wie lange noch dauert die Nacht?" zum Auftrag der Kirche angesichts verletzter Ordnungen in Gesellschaft und Staat, Kapitel 1).

Für die positive Auseinandersetzung mit diesen und anderen Gefährdungen und Schwierigkeiten bleiben die neuen geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften angewiesen auf ein Klima des Wohlwollens und der Ermutigung innerhalb der Communio der Kirche, vor allem von seiten der Amtsträger.

 


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